Kapitän der Ruhrtalfähre in Witten baut Schiff selbst

Feiern in diesem April zehnjähriges Jubiläum: Kapitän Christoph Heemann und die große Hardenstein. Mit Unterstützung hat der 48-Jährige das Schiff selbst gebaut. Foto: Thomas Nitsche
Feiern in diesem April zehnjähriges Jubiläum: Kapitän Christoph Heemann und die große Hardenstein. Mit Unterstützung hat der 48-Jährige das Schiff selbst gebaut. Foto: Thomas Nitsche

WAZ. Hundert Meter – so lang ist die Strecke, die Christoph Heemann berufsbedingt etwa 50-mal am Tag fährt. Der 48-Jährige ist Kapitän der Ruhrtalfähre. Seit zehn Jahren bringt er Radfahrer und Wanderer nahe der Burgruine Hardenstein von einem Ufer der Ruhr ans andere. Genau so lange gibt es die Fähre: „Ich war von Anfang an dabei“, sagt Heemann. Vom Programmierer zum Kapitän

Vor seinem Job als Fährleiter hat der gebürtige Hattinger als Programmierer gearbeitet. Als die Wabe 2006 das Projekt mit der Ruhrtalfähre startete, meldete sich Heemann freiwillig – und bekam eine Festanstellung. An den Schreibtisch zurück will er nicht. „Mir gefällt die freie Natur. Das ist einer der schönsten Plätze im Ruhrgebiet.“

Zu Beginn seiner Laufbahn stand Heemann am Ruder der kleinen Hardenstein. Die reichte irgendwann nicht mehr aus: „Die Passagiere mussten zum Teil zwei Stunden warten.“ Ein Jahr habe er die Werften der Welt abtelefoniert – auf der Suche nach einem bezahlbaren Schiff. „Irgendwann habe ich gemerkt: Das können wir vergessen. Wir müssen das selber machen.“ Eine Werft aus Holland stiftete ein Schiffswrack. „Wir haben den Rumpf genommen und den Rest selbst zusammengeschweißt“, sagt Kapitän Heemann. Geholfen haben ihm Mitarbeiter der Deutschen Edelstahlwerke in Witten und einige Schiffsbauer.

Die Pläne hat der 48-Jährige allein gemacht. „Im Prinzip muss man nur ins Gesetz gucken. Da steht auf 1500 Seiten, wie man ein Schiff bauen muss.“ Weil er einige Semester Maschinenbau studiert hat, habe er zudem „ein bisschen Ahnung“ von Stahl. Trotzdem: „Dass das Schiff schwimmt, wusste ich erst, als wir es ins Wasser gelassen haben.“

15,3 Meter lang und 20 Tonnen schwer ist die neue Hardenstein. An 250 Tagen im Jahr schippert Kapitän Heemann auf ihr über die Ruhr. Langeweile nicht in Sicht? „Wenn man 50-mal am Tag hin- und hergefahren ist, hat man auch mal Lust durchzufahren“, gibt der 48-Jährige zu. „Aber mein Job ist abwechslungsreich.“ Als Fährleiter steuert Heemann nicht nur das Schiff. „Ich kümmere mich auch um die Formalien, teile zum Beispiel Dienste ein.“ Neben dem 48-Jährigen sind bis zu drei weitere Vertragskräfte auf der Hardenstein im Einsatz sowie jeweils fünf Ein-Euro-Jobber und Ehrenamtliche. Ursprünglich habe die Wabe den Fährdienst als reines Freiwilligenprojekt geplant, sagt Heemann. „Aber das ist ein Fulltime-Job.“ Für die Passagiere ist die Überfahrt im Prinzip kostenlos. Sie zahlen, „was es ihnen wert ist“. Offenbar gibt es genug Spenden, um das Projekt am Leben zu halten.

Dennoch: Den Beruf des Fährleiters ergreife jedoch niemand planmäßig. „Dafür gibt es zu wenig feste Stellen.“ Ein Grund, warum sich die Fährleiter in Deutschland kennen. „Unter uns besteht ein großer Zusammenhalt“, sagt Christoph Heemann. „Jedes Jahr gibt es das große deutsche Fährleitertreffen, das findet immer woanders statt.“ Dieses Jahr gehe es nach Bamberg, zur Regnitz-Fähre. „Das ist eine kleine Kanalfähre, die mit einem Holzstab gesteuert wird“, freut sich der 48-Jährige. Mit dabei: seine 16-jährige Tochter. „Sie begleitet mich immer. Ihr scheint die Schifffahrt auch im Blut zu liegen.“

WAZ-Bericht von Andrea Böhnke