Als die Wabe den Ruhrtal-Tourismus entdeckte

2008 bekam der Ruhrtalradweg seine Wegweiser. Eberhard Zimmerschied, Sonja Leidemann, Thomas Strauch und Andreas Müller packen mit an. Foto:Liesenhoff
2008 bekam der Ruhrtalradweg seine Wegweiser. Eberhard Zimmerschied, Sonja Leidemann, Thomas Strauch und Andreas Müller packen mit an. Foto:Liesenhoff

WAZ. Heute ist die Wabe – die Wittener Gesellschaft für Arbeit- und Beschäftigungsförderung – aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. In diesem Jahr feiert sie ein kleines Jubiläum: Im August vor 20 Jahren wurde sie gegründet. Damals war die Wabe nur ein kleines, zartes Pflänzchen. Ziel war und ist es, Langzeitarbeitslose von der Straße zu holen und zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Fünf neue ABM-Kräfte übernahmen die Projektleitung. Alle waren vor ihrer Einstellung schon eine gewisse Zeit arbeitslos. Eine von ihnen war Gartenbau-Ingenieurin Irena Cichy. Sie ist bis heute der Wabe treugeblieben und hat viele der zahlreichen Projekte federführend mitentwickelt und betreut. Der heutige Geschäftsführer Thomas Strauch stieß erst drei Jahre später, also 1999, zum Team. Seit zehn Jahren gehört auch Susanne Fuchs zum Führungskader.

Heute ist der Ruhrtal-Tourismus ein bedeutendes Standbein der Wabe. Das Königliche Schleusenwärterhaus, Ruhrtalfähre, Zollhaus und nicht zuletzt die Radstation sind einige Beispiele. „Durch das Thema Fahrrad sind wir eigentlich erst auf Freizeit und Tourismus gekommen“, erinnert sich Thomas Strauch. „Und in diesem Bereich lag und liegt eine Menge Entwicklungspotenzial.“

Wieder ein Blick zurück: Der Garten- und Landschaftsbau war in den ersten Jahren die Seele der Wabe. Der Betriebshof befand sich an der Marienstraße. „Wir haben an vielen großen Projekte mitgearbeitet. Sie alle haben unsere Stadt schöner und liebenswerter gemacht“, erinnert sich Irena Cichy. Dazu gehören Lutherpark, Breddegarten, Spielplatz Haldenweg, Steinbruch Imberg und der Park der Generationen. „Alle Projekte wurden vom Land gefördert, weil Beschäftigung damit verknüpft war“, so Strauch.

Weitere Standbeine waren der Hochbau und die museale Wiederherstellung von Gebäuden – beispielsweise der Umbau der alten Gepäckabfertigung im Hauptbahnhof zur beliebten Radstation. Die DLRG-Wachstation am Südufer des Kemnader Sees, die Kleinzechen Egbert, Margarethe und Turteltaube, aber auch das Goepelhaus tragen die Handschrift der Wabe.

Schon immer war die Gesellschaft auch über die Stadtgrenzen hinaus aktiv. Ein gutes Bespiel ist die Betreuung des Ruhrtal-Radwegs vom Hengsteysee bis Dahlhausen. Auf dem 42 Kilometer langen Teilstück sehen die Ruhrtal-Ranger nach dem Rechten. Und nach dem Spendenaufruf „Ein Meter Radweg“ konnten die Mitarbeiter ein Stück „Holperstrecke“ zwischen Schleuse und Lakebrücke pflastern.

Zum Rad kam vor der Ruhrtal-Kulisse ziemlich schnell das Thema Wasser. Insgesamt 14 Bootsanleger wurden gebaut. Und die erste kleine Ruhrtal-Fähre wurde angeschafft. Sie verbindet die Schleuse mit der Burgruine Hardenstein. Die Ruine hat dem kleinen Schiff auch schließlich seinen Namen vermacht:„Hardenstein“. Rund 150 000 Menschen nutzen diesen Fährdienst in jedem Jahr – gegen eine Spende. Seit 2010 wurde ihre „große Schwester“ eingesetzt. Fähre Nummer eins liegt jetzt vorübergehend auf dem „Trockendock“.

Zum aufblühenden Tourismus gehört natürlich auch die Bewirtung der Gäste. Die ersten Gehversuche gab es mit Grillständen und einem kleinen Verkaufspavillon auf der Wiese am Schleusenwärterhaus. „Schließlich haben wir das alte Häuschen 2006 gepachtet. Zwei Jahre später dann gekauft“, so der Geschäftsführer. „Ein neues Projekt war geboren. Alle haben die Ärmel hochgekrempelt, um den Sanierungsstau zu beseitigen und die Gastronomie in Schwung zu kriegen.“ Ein Rückschlag war der Brand am 24. Januar 2015. Doch nach Wiederaufbau und Vollsanierung geht der Betrieb jetzt weiter.

Ein paar Schritte weiter liegt das alte Zollhaus an der Lake-Brücke. Die Wabe hat es 2012 gepachtet und in Absprache mit dem Eigentümer, der Friedr. Lohmann GmbH, durchsaniert. Jetzt gibt es ein weiteres Kleinod am Ufer der Ruhr – mit leckerem Essen und Kulturprogramm.

Im Laufe der beiden letzten Jahrzehnte hat die Wabe auch den Werkhof übernommen. In direkter Nachbarschaft der Firma Wiegard am Hellweg werden Heranwachsende auf das Berufsleben vorbereitet. Auch das Wittener Arbeitslosen-Zentrum, bekannt als „Walze“, ist in der Wabe aufgegangen. „Unser erstes Gebrauchtmöbelkaufhaus war im Novum“, erzählt Strauch weiter. Weil die Immobilie verkauft werden sollte, musste die Möbelbörse an die Kreisstraße umziehen.

Auch heute noch ist der rote Faden die Beschäftigungsförderung für Menschen, die sonst keine Chancen haben. „Die Zeit, die Arbeitsverdichtung und das Tempo am ersten Arbeitsmarkt sind wichtige Faktoren, wo unsere Leute nicht sofort mithalten können“, erklärt Thomas Strauch. „Aus diesem Grunde organisieren wir unsere Arbeit um den einzelnen Menschen herum – entsprechend seinen Fähigkeiten und Können.“

Rund 40 Leute sind momentan sozialversicherungspflichtig bei der Wabe beschäftigt. Sie verdienen in der Stunde mehr als den derzeitigen Mindestlohn von 8,50 Euro. Dazu kommen rund 70 Ein-Euro-Jobber, die pro Stunde 1,50 Euro erhalten.

„Drei von fünf ehemaligen Mitarbeitern kommen nach der Wabe in eine feste Stellung“, zieht Strauch ein positives Fazit. Insgesamt 3000 Langzeitarbeitslose fanden unterm Strich mit der Wabe zurück ins Berufsleben. Wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft und der Wille zum Mitmachen. Die Wabe arbeitet nicht profit-orientiert, aber rentabel. „Die Wirtschaftlichkeit muss stimmen. Und beim Faktor Zeit brauchen wir einen größeren Spielraum“, ergänzt Irena Cichy. „Ansonsten lässt sich alles einrichten.“

Eine Radverbindung zwischen Emscher und Ruhrtal, ein Gartenbau-Projekt mit der Awo Ennepe-Süd für Schwerbehinderte und eine weitere Fährverbindung auf der Ruhr vom Stiepeler Alten Fährhaus zum Ruderclub Welper: Pläne für die Zukunft hat das quirlige Wabe-Team auch schon geschmiedet.

WAZ-Bericht von Barbara Zabka