Beliebte Wittener Kneipe „Zum Alten Fritz“ steht vor dem Aus

Simone Germer (48) und Saad Doraji Raghiveh (32) sind Mitarbeiter der Kneipe Zum Alten Fritz. Foto: Svenja Hanusch
Simone Germer (48) und Saad Doraji Raghiveh (32) sind Mitarbeiter der Kneipe Zum Alten Fritz. Foto: Svenja Hanusch

WAZ. Die Beschäftigungsgesellschaft Wabe betreibt in Witten nicht nur die beiden Ruhrtal-Gastronomien Schleusenwärterhaus und Zollhaus Herbede, sondern auch eine eigene Kneipe – „Zum Alten Fritz“ an der Augustastraße. Doch nun steht das beliebte Lokal mit syrischer Küche auf der Kippe.

Ende Februar wolle die Wabe in einer Klausurtagung entscheiden, wie es mit dem Fritz weitergeht, sagt Projektleiterin Susanne Fuchs. Bis Juli bleibt das Lokal geöffnet, dann wechseln die Mitarbeiter für den Saisonbetrieb ans Schleusenwärterhäuschen. Ob der Alte Fritz seine Eichentür nach dem Sommer noch mal öffnet, ist fraglich.

„Wirtschaftlich ist der Fritz nicht“, sagt Susanne Fuchs. Die hohen Kosten – wie Miete, Energie, Müll – und der betagte Zustand der einst urdeutschen Eckkneipe sprechen für sich. Eigentlich müsste man hier kräftig investieren.

Andererseits hat sich das 2016 gestartete Projekt für Langzeitarbeitslose im letzten halben Jahr zum kulinarischen Geheimtipp gemausert. Einen großen Anteil daran hat Koch Saad Doraji Raghiveh (32), der vor sechs Jahren als Flüchtling aus dem Iran nach Witten kam. Er ist froh, im Fritz eine Anstellung gefunden zu haben. „Es ist nicht gut, zuhause zu bleiben“, sagt er, während er mittags schon arabische Gerichte wie Kichererbsen, Auberginen, Falafel und Knoblauch-Dip für den Abend vorbereitet. Zur Hand gehen ihm andere Flüchtlinge.

Viele Wittener schätzen auch den Saal der Kneipe – wo gibt es so was noch? Öfter finden dort Vereinsversammlungen statt. Auch die Zahl der kulturellen Veranstaltungen wächst. „Seit Herbst läuft es richtig gut“, sagt Mitarbeiterin Simone Germer. Inzwischen habe man sogar Aufträge für Catering. Susanne Fuchs bestätigt die positive Resonanz. „Wir werden zur Adresse. Gastronomie braucht eben einen langen Atem.“

Den hat die Wabe schon länger als ursprünglich gewollt. Am Anfang stand das Projekt „Sprache und Beschäftigung“ für Flüchtlinge. „Da haben wir gemerkt, dass alle Teilnehmer eine Affinität zum Kochen haben“, sagt Fuchs. Weil es schwer war, Praktikumsplätze zu finden, wurde kurzerhand selbst eine Kneipe eröffnet. Im Februar 2017 startete der Fritz. Das Qualifizierungsprojekt ist nun abgelaufen, die Wabe hat den Mietvertrag aber bis zum Sommer verlängert.

Wie es „mit unserem Baby“ weitergeht, so Simone Germer, das sorge sie. „Ich war wirklich sehr lange arbeitslos. Dann habe ich bei der Wabe als 1,50 Euro-Kraft angefangen.“ Im September bekam sie dann einen Zweijahresvertrag. „Und mir macht das hier Spaß.“

Susanne Fuchs könnte sich auch vorstellen, mit dem Fritz an einen anderen Standort zu ziehen. Sie betont: „Das Konzept ist gut, aber es muss sich tragen. Die Wabe kann kein neues Qualifizierungsfeld eröffnen, dass da heißt: Rettet die Wittener Kneipen.“

Die Wabe ermöglicht mit Geldern von Land und EU Langzeitarbeitslosen den Wiedereinstieg ins Erwerbsleben. 13 Menschen haben zurzeit einen Zwei-Jahres-Vertrag in Bereichen, die einen Nutzwert für alle Bürger bringen. Hinzu kommen viele Menschen, die einer „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandentschädigung“ nachgehen – die 1,50-Euro-Jobs.

Das Schleusenwärterhaus am Hevener Ruhrufer hat sich zum Flaggschiff der Ruhrtalgastronomie entwickelt. Auch hier war der Anlauf lang: Von 2005 bis 2014 sanierte die Wabe das historische Gebäude. 2015 brannte es komplett aus. Dank vieler Spenden konnte es erneuert werden. Saisoneröffnung (und Start der Hardensteinfähre) ist am 29. März.

Auf der Herbeder Ruhrseite befindet sich das ehemalige preußische Brückenwärterhaus. Dieses Zollhaus, im Besitz der Firma Lohmann, wurde 2013 von der Wabe eröffnet und wird ganzjährig betrieben. Beide Häuser bieten auch sinnvolle Beschäftigungen für andere Qualifizierungsmaßnahmen der Wabe, wie die Gartenlandschaftsbauer.


Kontakt und Öffnungszeiten

Geöffnet: dienstags bis samstags, 18-22 Uhr, Augustastraße 27. Unter 169 20 54 können Tische und Räume reserviert werden.

WAZ-Bericht von Susanne Schild

 

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